meine Torten...

Vergangenheit

Ich bin das Zweite von 5 Kindern. Das erste Kind, ein Mädchen, starb nach nur 9 Tagen. meine Mutter hatte damals das Medikament "Kondagan" bekommen.

Ich habe noch eine Schwester(Andrea) und zwei Brüder(Peter u. Mirko).

Mein Traumberuf war "Friseuse“. Hatte aber nicht sein sollen.

Ich war 15, als ich meinen Mann kennenlernte. Als ich 20 war, zogen wir zusammen. 8 Jahre später im Mai 1990 haben wir geheiratet. Ein Jahr später kam unser Wunschkind zur Welt, ein Mädchen, Nicole.

Ich ging ganz in der Rolle als Mutter und Hausfrau auf. Alles war bis dahin in Ordnung.

Bis zu jenem bestimmten Tag.

Ich hatte meinen Mann Harald zu einem Arztbesuch angemeldet, da er schon seit Jahren unter starken Kopfschmerzen litt(dessen Ursache man nicht herausfand), und er immer häufiger Nasenbluten bekam und nichts mehr riechen konnte.

Die Diagnose war niederschmetternd: Nasen und Gehirntumor.

Ich dachte, man würde mir den Boden unter den Füßen weg ziehen

Mein Mann kam in die Uniklinik nach Mainz.

Es folgten mehrere Operationen, Bestrahlungen u. Chemotherapie...........Erfolglos!!! Der Krebs wucherte weiter, kam auch da, wo man schon bestrahlt hatte.

Es war eine sehr stressige Zeit. An einem Tag ging ich zur Arbeit, am nächsten fuhr ich mit unserer kleinen Tochter nach Mainz in die Uniklinik, in der mein Mann lag, immer im Wechsel, 12 Monate lang.

Nach 5 Monaten sagte man mir so zwischen Tür und Angel, dass mein Mann das nächste Weihnachten nicht überleben würde. Da stand ich nun, ging zurück in sein Zimmer und sollte so tun, als ob nichts geschehen wäre.

Ich hatte mir geschworen, dass wenn er mich einmal fragen sollte, ich würde ihn nicht anlügen. Dann kam der Tag, an dem er wissen wollte, warum man nicht mehr operieren würde. Mein Herz blieb fast stehen, als ich ihm mit Tränen in den Augen sagte, dass der Krebs weiter wuchert, dass man nicht mehr operieren kann. Dass, wenn er weiter machen möchte, vielleicht noch die Chance hat, Nicole ein klein wenig aufwachsen zu sehen.

Ich konnte Harald nicht die ganze Wahrheit sagen. Wie sollte ich sagen,: du hast nur noch ein paar Monate zu leben?

Stattdessen sagte ich:

Wenn du weiter kämpfen möchtest, dann nur für dich selber. Nicht für mich, nicht für Nicole, nicht für Irgendwen. Es sind deine Schmerzen, deine Qualen. Wenn du der Meinung bist , es sei genug, dann nehme ich dich mit nach Hause.

Der Arzt gab meinem Mann einen Tag Bedenkzeit, bevor man ihn wieder nach Mainz in die Uniklinik bringen würde und mit der Strahlen-  Schmerztherapie fortführe.

Am nächsten Morgen hatte Harald sich entschieden; - Er sagte : ich weiß,  dass ich sterben muss, aber ich kämpfe bis zum Schluss.

Nicole kam oft und fragte, ob der Papa wieder gesund werden würde, und bis zu diesem Zeitpunkt habe ich dies immer bejaht. Jedoch wollte ich nicht, dass sie einmal vor mir stehen würde und sagen könne, ich hätte sie belogen.

So setzte ich sie, als sie mich das nächste Mal fragte , auf meinen Schoß, nahm sie in meine Arme und sagte ihr:" Wenn der Papa einmal solche Schmerzen haben sollte, das er es nicht mehr aushalten könne, dann holt der liebe Gott ihn zu sich. Der Papa wird dann ein Engel sein. Auch wenn du ihn nicht mehr sehen und hören  kannst, er ist immer bei dir." So hat sie es auch angenommen.

Ich hatte mich mit dem Hospiz in Verbindung gesetzt und uns wurde eine ältere Dame (Schwester Eva-Maria Hänsch) zugeteilt. Sie war immer für uns da. Wann und wo immer wir sie brauchten.

12 Monate später.

Dann am 5 Geb. unserer Tochter  durfte ich meinen Mann nach Hause holen.

Die letzten 3 Monate habe ich meinen Mann zu Hause gepflegt. Solange, bis man ihm nicht noch mehr Morphium geben konnte, ohne dass es das Atemzentrum beeinflussen würde.

Es war Sonntag, der 1. Advent, als wir meinen Mann nach Freiburg in die Uniklinik zur Schmerztherapie brachten. Er weinte und sagte, dass er Angst habe, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde.

Man wollte versuchen eine Röhre in das Gehirn zu legen, damit das Morphium gleich am Zentrum wirken konnte.... doch es war schon zu spät. Der Tumor hatte angefangen sich aufzulösen.

Wir, seine Eltern und ich wurden in das Ärztezimmer gerufen. Man erklärte uns, das die Schmerzen unerträglich geworden sind und man Harald an eine Art Konfuser legen möchte, der dann kontinuierlich so viel Morphium abgibt, dass er keine Schmerzen mehr erleiden müsste. Dadurch schliefe er dann ein und wird nicht mehr aufwachen, bis sein Herz aufhört zu schlagen.

Wir sollten uns nun von meinem Mann verabschieden, denn wenn wir später gegangen sind, würde man den Konfuser anschließen.

Ich ging zurück auf sein Zimmer. Was, oder wie sollte ich sagen? Wie verabschiedet man sich? Sagt man... ich liebe Dich, lebe wohl, bis wir uns wiedersehn?

Ich konnte es nicht.

Mein Mann, er machte Witze, so, dass wir alle noch so lachen mussten, war lustig, was es uns noch umso schwerer machte.

Wir waren seit der Früh um 9 Uhr in der Klinik, nun war es schon dunkel. Ich hielt es nicht mehr aus, konnte die Situation nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich so furchtbar hilflos und allein gelassen, ich wollte nur noch nach Hause.

Ich verabschiedete mich wie immer, küsste ihn und ging zur Tür.

Da rief er nach mir: Birgit, Birgit, wo bist du? Ich lief zurück zu ihm, sagte, dass wenn er möchte, dann bleibe ich hier bei ihm

Nein, er wollte dass wir nach Hause fahren. " Gehe ruhig ,"sagte er noch, "fahre nach Hause."

Ich  spürte genau, dass ich einen Fehler begehen würde wenn ich nun gehe, aber viel zu groß war meine Angst vor dem Tod.

Voller Panik fuhr ich nach Hause, mit einem fürchterlichen Gefühl im Bauch. Ich hab's gespürt, ja, ich wusste es, und dennoch konnte ich nicht bleiben

ich bin davon gelaufen!!! Ich hatte mir selber versprochen, ihn nicht alleine zu lassen in seinen letzten Stunden und doch bin ich geflüchtet.

Ich war nicht bei ihm, sondern Schwester Eva-Maria Hänsch vom Hospiz. Das werde ich mir nie verzeihen. Ich habe ihn im Stich gelassen.   

Am nächsten Morgen, ich war auf dem Sprung in die Klinik, als mich Schwester Eva-Marie anrief und mir mitteilte, dass Harald soeben den letzten Atemzug gemacht hatte.

Alles, was ich noch raus brachte, war nur ein NEIN!!!

Es war der 8 Dezember 1996, der 2. Advent.

Ich fuhr zusammen mit meinem Schwager in die Klinik nach Freiburg. Dort angekommen, zögerte ich einen Moment, als ich die Türklinke in die Hand nahm. Was würde mich nun erwarten? Wie würde es sein? Mein Herz raste vor Angst.

Alle Geräte waren schon weggeräumt, eine kleine Kerze brannte auf dem Beistelltisch: Schwester Eva-Maria kam mir entgegen und nahm mich in ihre Arme, und gemeinsam gingen wir zu meinem Mann.

Er lag so friedlich da, mit einem Lächeln im Gesicht, dass man hätte meinen können, er würde nur schlafen.

Wir sprachen gemeinsam ein Gebet.

Lange Zeit saß ich da an seinem Bett. Meine Hände zitterten, als ich die seinen berührte. Es fühlte sich noch so warm an, dass ich nicht glauben wollte, dass er tot ist.

Ich hatte bis dahin keine einzige Träne weinen können, doch jetzt beugte ich mich über seinen leblosen Körper und ließ den Tränen freien Lauf.

Später lief ich draußen ein wenig auf dem Flur entlang, wo mir der Stationsarzt entgegen kam, und mich in sein Büro bat. Er fragte, ob ich etwas wissen  möchte, oder ob ich einfach etwas sagen wolle.

Und ob ich was zu sagen hatte:

Fakt ist, das der Arzt seinem Patienten "NICHT" sagen muss, das er nicht mehr lange zu leben hat. Wenn er das Gefühl hat, der Patient würde diese Mitteilung nicht verkraften und aufgeben.

Die Ärzte wissen heute genau um den Verlauf der Krankheit, könnten erklären, was noch kommen könnte. Mit einigen Abweichungen, das versteht sich von selbst. Aber man hätte eine gerechte Chance zu wählen: nehme ich den Kampf auf mich, mit all seinen Schmerzen und Qualen, oder "Lebe" ich mein Leben noch, soweit man das noch Leben nennen kann.

Jedes Tier welches  so leiden müsste, wird erlöst. Nur der Mensch, der sich als das HÖCHSTE ALLER LEBEWESEN bezeichnet, lässt, man leiden. Leiden für die Wissenschaft.

Man hatte uns von Anfang an belogen, immer wieder beteuert, dass mein Mann wieder so wird, wie er früher mal war......

Ich habe so viele Bücher gelesen, sie geradezu verschlungen. Die Bilanz ist immer die gleiche.

Der gleiche Leidensweg.

Früher war ein Arzt , wie "ein Gott in Weiß" für mich

Heute, hat er keinen höheren Stellenwert als ein Bauarbeiter, der auch nur nach seinem Wissen und Gewissen seine Arbeit tut.

Dies soll aber keine Diskriminierung für den Beruf eines Bauarbeiters sein. Das ist mir noch wichtig zu erwähnen..

 

An dieser Stelle noch all denen ein herzliches "Dankeschön", die immer für uns da waren, uns nie im Stich gelassen haben:

Schwester Eva-Maria Haensch vom Hospiz: was hätte ich ohne diese liebe Frau getan? Lange Jahre hatten wir  regelmäßigen Kontakt. Leider verstarb  sie vor 2 Jahren.

Meine Freunde von damals : Ann- Marie+Guy, Janet+Sven, Gerhard, und Manuela.

Janet, welche sooft nachts an meinem Bett saß und wartete bis sich meine Panikattacken etwas gelegt hatten und ich schließlich irgendwann eingeschlafen war. Wie oft hast du den Zoff mit deinem Spazl in Kauf genommen, nur weil du wieder mal die Nacht bei mir bliebst, anstelle dich auch mal um Ihn zu kümmern.

Dafür bin ich dir auch heute noch sehr dankbar, auch wenn sich unsere Wege inzwischen in verschiedene Richtungen geführt haben.

Steffen, u. Gerhard, ...ihr Alle wart immer für mich da, wann immer ich Euch brauchte. Tag und Nacht. Das werde ich Euch nie vergessen.

Manuela, (meine Trauzeugin),.. wenn ich sie anrief, weil ich solche Panikattacken hatte, dass ich es kaum noch aushielt, dann setzte sie sich mitten in der Nacht in ihr Auto und fuhr über 40 km weit zu mir. Manu, Du hast einen ganz besonderen Platz, tief in meinem Herzen. Ich hab dich sehr lieb.

 Und natürlich meine Familie!!!

Meine Mama, welche mein ehemaliges Jugendzimmer immer für mich bereit hielt, wo ich mich eine lange Zeit über immer am Wochenende aufhielt, weil ich es alleine mit meiner Tochter in unserer Wohnung nicht aushielt.

Meine Schwester Andrea, die obwohl sie damals weit von uns entfernt wohnte und selber genug eigene Probleme hatte, immer für mich da war.

Ich danke euch dafür, von ganzem Herzen. Ich habe euch sehr lieb.

So schrecklich das alles auch war, so habe ich doch auch vieles lernen dürfen. "NEIN" zu sagen, wenn ich "NEIN „meine.

1) Ärzte sind auch nur Menschen, mit all ihren Fehlern und Schwächen.

2)Ich denke, dass ich durch meine Erfahrungen vielleicht anderen Menschen helfen kann, welche sich auch in solch einer Situation befinden.

3)Sehr wichtig!!! "Selbstbewusstsein"

4)Wer meine wirklichen Freunde sind.

5.) Ich werde nie mehr davon laufen, zumindest nicht, wenn es sich um den Tod handelt, und wenn ich noch so große Angst davor habe.

Das passiert mir nie mehr!!!

Noch heute, nach über 21 Jahren, kann ich mir nicht verzeihen, dass ich nicht bei meinem Mann geblieben bin, ihn nicht begleitet habe auf dem Weg zur anderen Seite. Da kann man mir noch sooft sagen, es hat ebenso sein sollen.. wäre es nicht meine Pflicht gewesen??? Warum nur hab ich`s nicht getan?? Warum bin ich wie von der Tarantel gestochen geflohen? Warum habe ich nicht die Möglichkeit ergriffen Abschied zu nehmen als er noch lebte?

Warum habe ich ihm nicht die Wahrheit gesagt, wie es wirklich um ihn steht? Ich war kein Deut besser als die Ärzte, welche uns ständig belogen hatten. Auch ich hatte gelogen.... wiegt das nicht viel schlimmer als wenn jeder andere lügt? Hätte er vielleicht doch aufgehört zu kämpfen wenn ich ihm die Wahrheit gesagt hätte, und hätte sich somit noch weitere Qualen und Schmerzen erspart? Sicher, er wusste ,dass er sterben muss, doch er wusste nicht, wie wenig Zeit ihm noch blieb. Fragen um Fragen.. auf die ich niemals mehr eine Antwort erhalten werde... denn es ist zu spät...viel zu spät!!!

Heute, ja heute würde ich vieles anders machen. Ich war erfüllt von dem Drang mit meinem Mann über den Tod reden zu wollen, ihm den Abschied leichter machen zu können, in dem ich ihn wissen lassen wollte, dass er sich um mich und Nicole nicht zu sorgen brauchte. Ich hatte so lange Zeit, mich darauf vorzubereiten, und dennoch geht das nicht.

Beide, Harald noch ich, konnten nicht den Anfang machen... so blieb so vieles unausgesprochen. Vieles, das mir heute noch einen Druck im Magen erzeugt.

Wenn ich wieder mal da saß, und traurig vor mich hinstarrte, setzte sich mein Mann zu mir, schaute mir in die Augen und sagte:" Schau. Ich bin eben ganz anders als du... ich will darüber nicht reden. Ich weiß, dass ich sterben muss, aber ich kämpfe bis zum Schluss."

Das hat er auch getan. Ein Kampf, den er nicht gewinnen konnte. Ein Kampf, gegen jedes Verständnis. Ein Kampf, der so viel Kraft, Mut und Tränen kostete...und dennoch umsonst war.

Ich kann die Zeit nicht mehr zurück drehen, und wenn ich es mir noch so sehr wünsche... es ist zu spät!!!

Die Beerdigung war 3 Tage später am 11.12.1996.

Ich werde es nie vergessen.

Nicole brachte ich zu einer Nachbarin, sie wollte nicht mit, was mich sehr erleichterte. Ich konnte selbst kaum einen klaren Gedanken fassen, wie sollte ich mich da noch um meine kleine Tochter kümmern, geschweige denn sie trösten.

Ich lief hinter meinen Schwiegereltern und seinen Geschwistern langsam hinterher in Richtung der Kirche. Meine Schritte wurden immer kleiner, langsamer.

An der Kirche angekommen, wartete meine Schwägerin Heidi auf mich. Ich flog in ihre Arme, weinte, und wollte nicht in die Kirche hinein. Alles in mir weigerte sich, doch ich wusste, ich konnte dem nicht entziehen, Harald war doch mein Mann gewesen...ich musste hinein, es war meine Pflicht, es war einfach so.

Langsam ging ich an den vielen Menschen vorbei, nicht erkennend, wie sie mich ansahen, ich schaute nur zu Boden. Ich wollte und konnte niemandem in die Augen sehen.

Ich sah nur den Sarg, die vielen, vielen Blumen.

Ich habe die ganze Zeit durchweg geweint, konnte mich nicht beruhigen. 

Gleich nach der Predigt wurde der Sarg zum Friedhof gefahren und der lange Zug der Menschen lief hinterher.

Als wir ankamen, hatte man den Sarg schon runter gelassen, um es uns doch ein wenig leichter zu machen, wenn man das überhaupt so nennen konnte.

Nach seinen Eltern stand ich am Grab, ganz allein, verlassen, mit zitternden Händen die Rose festhaltend, welche ich meinem Mann als letzten Gruß mit geben wollte. Doch vor lauter Aufregung, hatte ich das vergessen und nahm die Rose wieder mit.

Erst fast zum Schluss, als ich bemerkte, dass ich mit der Rose in meinen Händen spielte, fiel mir auf, dass ich sie noch in den Händen hielt.

Meine Freundin Manuela ging nochmal mit mir zum Grab.

Es waren so viele Menschen anwesend... so viele, welche ich Jahrelang nicht gesehen hatte.

Sie alle waren gekommen... und das hat mir sehr geholfen.

Ich für meinen Teil kann heute sagen, jeder Händedruck, den ich bekam, jede Umarmung, tat unsagbar gut. Zu wissen, ich war nicht allein in dieser schweren Zeit.

Vielen tausend Dank an Alle.